Der Tanz der Bienen - Prolog - (Auszug)

Es ist noch ein wenig Zeit, doch wir müssen uns beeilen. Hör mir gut zu, denn eine weitere Gelegenheit wird es nicht geben, um Dir mitzuteilen, wie alles kam und kommen wird.
Hast Du Vorstellungsvermögen?
Wie würdest Du Dich fühlen, wenn Du, sagen wir, wie ich, in einem Sprechzimmer einer Arztpraxis sitzt oder in einem Büro oder hinter einem Schalter?
Du rufst: »Der Nächste bitte!« Zum hunderttausendsten Mal in Deinem Leben. Der Nächste!
Machen Sie schon voran, in zwei Stunden ist Feierabend. Machen Sie es kurz, ich will nach Hause.
Der »Nächste« ist ein junger Mann, der wirklich Herr Maus heißt.
Ehrenwort.
Er heißt »Maus«, »M« und »aus«. Er sieht auch so aus.
Auf der Straße hättest Du ihn glatt überrannt, so unscheinbar ist er in seinem mausgrauen Mantel, seinen mittelblonden, glatten Haaren, seiner Kassenbrille und seinen mausgrauen kleinen Augen. Aber jetzt ist er eben der Nächste und jetzt setzt er sich vor Dich hin oder stellt sich hin und Du schaust ihn gar nicht an, denn er ist irgendwie nicht wirklich da. Er ist die Imagination von jemandem, der da sein könnte.
Du erwartest wieder so ein Klagelied von gesammelten und für Dich vorbereiteten Schmerzen, von vielfach ausgesprochenen Wünschen, von überflüssigen Beschwerden und er sagt: »Wissen Sie, ich möchte Sie warnen!«
Du hältst den Kuli schreibbereit in der Hand, um Dir eine Notiz zu machen, die einmillionste überflüssige Notiz Deines Lebens, damit Du sie zu den anderen Notizen legen kannst. Für alle Fälle.
Vielleicht wirst Du Dich ja später noch mal daran erinnern müssen oder es macht einfach nur einen schlechten Eindruck, nur dazusitzen und in die Leere hinter dem Nächsten zu blicken, deshalb hast Du Dir den Trick mit den Notizen ausgedacht.
Du lässt Dir die Worte einmal kurz durch den Kopf gehen und blickst zum ersten Mal heute den Nächsten an.
»Wie bitte?«
»Ich bin gekommen, um sie zu warnen!«
Jetzt wird Dir ein wenig unbehaglich und Du richtest Dich in Deinem Stuhl auf.
Ein Verrückter, der gleich das Messer oder die Pistole zieht?
Du schaust zur Tür. Du bist allein mit ihm. Dein Weg zur Tür ist weiter als seiner.
Unauffällig legst Du Deine Hand auf den Telefonhörer.
Fassung bewahren, ruhig bleiben.
»So, wovor bitte?«
»Wissen Sie, die Welt geht in wenigen Tagen unter. Wir werden alle sterben. Sie auch. Deshalb will ich Sie warnen.«
Ein Lächeln stiehlt sich in Dein Gesicht. Ein Verrückter. Na ja, es gibt genug Verrückte. Wenn er nur nicht doch noch ein Messer zieht.
Du blickst in sein argloses Gesicht. Er sieht Dich ernsthaft besorgt durch seine runden Brillengläser an.
Du könntest jetzt Verschiedenes antworten, aber er stört Dich in Deinem Rhythmus, in Deinem Ablauf und in zwei Stunden ist Feierabend und es warten noch andere Leute draußen mit ihren traurigen Geschichten.
Du wippst nervös mit Deinem rechten Fuß, nachdem Du Dich zurückgelehnt hast und Herrn Maus betrachtest. Wie bekomme ich den Bekloppten jetzt hier schnellstmöglich wieder raus?
Durch dessen Gesicht geht ein trauriges Lächeln.
»Es ist wichtig, dass Sie das wissen!«
Du nickst. Es gibt unzählige Verrückte, die schon zum unzähligsten Mal den Untergang der Welt beschworen haben. Ganze Bibeln sind darüber verfasst worden. Warum muss der jetzt gerade hier bei Dir sitzen und Dich durch seine billige Brille anschauen, als müsstest Du jetzt vor Angst vergehen? Du ertappst Dich dabei, wie Du nickst, auf Deinen Kugelschreiber blickst, dessen Spitze untätig auf dem Papier aufliegt und einfach antwortest: »Ja, ich weiß.«
»Ach, das wissen Sie?«
Warum in aller Welt, scheltest Du Dich, musst Du so was Blödes sagen? Jetzt hast Du ihm auch noch den Vorwand für einen Dialog gegeben? Aber Du hast diese Worte tatsächlich formuliert.
Du nickst. »Das weiß ich schon lange. Vielen Dank.«
Herr Maus entspannt sich. »Das ist gut. Wissen Sie, ich habe es den ganzen Tag mit mir herumgetragen. Heute Morgen, als ich die verrückten Bienen wieder vor meinem Fenster tanzen sah, da wusste ich es plötzlich. Und ich habe mich gefragt, ob die anderen es auch wissen. Aber sie haben sich nichts anmerken lassen. Haben so getan, als wenn sie es nicht wahrhaben wollten.«
»Na ja, verständlich. Wer möchte auch schon gerne darüber nachdenken?« Es ist wie ein Zwang. Du beobachtest Deine Worte, wie sie Deinen Mund verlassen, ohne von Dir wirklich formuliert worden zu sein.
Herr Maus wird unsicher. »Wissen Sie es wirklich?«
Jetzt ist es zu spät. Du kannst nicht mehr zurück. »Natürlich. Das ist nichts Besonderes.«
»Und haben Sie gar keine – Angst?«
Du schüttelst den Kopf und fragst Dich, ob Du wirklich keine Angst hast? Nein, es beginnt Dir Spaß zu machen.
»Ich schon, ich habe Angst«, sagt Herr Maus. Er ist erst 27 Jahre alt, hast Du inzwischen mit dem Blick auf seine Personalien in seiner Akte entdeckt. Ein junger Verrückter also.
Und jetzt sagst Du plötzlich noch etwas Merkwürdiges:
»Wissen Sie, es ist gut, dass Sie hierher gekommen sind, um es mir zu sagen.«
»Ja, meinen Sie?«
Du nickst.
»Ja.«
»Aber wieso?«
Dich beschäftigt nur eine Frage: Wie bekomme ich ihn dazu, von hier direkt in die Psychiatrie zu gehen, ohne dass Du aus Deinem Stuhl aufstehen musst und Dinge tun musst, die Du nicht tun möchtest?
»Weil das Entscheidende ist, dass Sie hierher gekommen sind, um mich zu treffen.«
»Sie zu treffen?«
»Ja, mit mir zusammen zu treffen.«
Herr Maus ist verblüfft und schweigt ungläubig. »Aber, das wusste ich nicht!«
»Nein, niemand weiß das.«
»Was?«
»Das wir einzig und allein hier sind, um zu einem gewissen Zeitpunkt mit gewissen Menschen zusammen zu treffen.«